Logo der kobinet nachrichten

   
31.10.2002 - 12:03
Bahn erschwert Blinden das Reisen

Kassel (kobinet) Als «einen ausgemachten Skandal» bezeichnet es der Rechtsreferent des NETZWERK ARTIKEL 3, Alexander Drewes, dass die Deutsche Bahn AG es blinden Menschen z.B. in Düsseldorf neuerdings erheblich erschwert, selbstständig ein Ticket zu lösen. Hier hat die Bahn ein System eingeführt, das zunächst eine Ziffernkarte gezogen werden muss, ehe man ein Ticket lösen kann, nachdem die Ziffer - ausschließlich visuell - aufgerufen wird. Natürlich arbeitet bereits das System ohne jede blindentechnische Einrichtung. Vom Verkaufspersonal erhält der blinde Reisende die Auskunft, er könne sich ja problemlos bei anderen Kunden erkundigen, wann er an der Reihe sei.

«Nachdem die DB AG es körperlich eingeschränkten Reisenden seit jeher erschwert hat, mit ihr zu reisen, macht sie dies nun auch für sinnesbehinderte Menschen zunehmend schwerer, teilweise sogar unmöglich», so Drewes. Ob bei der kostenlosen elektronischen Fahrplanauskunft die Ansage der Gleise «vergessen» wird, in einer Stadt wie Marburg, in der aufgrund der Deutschen Blindenstudienanstalt außerordentlich viele blinde Menschen leben, seit Jahren ein Leitsystem und die garantierte Barrierefreiheit für behinderte Menschen angekündigt aber - offiziell aufgrund Geldmangels - nicht realisiert wird oder in Fernzügen der nächste Halt ohne Anschlusszüge angesagt wird, die Interessenlagen behinderter Menschen würden bei der Deutschen Bahn AG eigentlich selten bis nie wirklich mitbedacht.

Beim Online-Verkauf habe die Bahn schlichtweg vergessen, dass behinderte Menschen häufig Verbünde nutzen können, das Lösen eines Tickets mit kostenloser Platzreservierung ist zudem online nicht möglich, ebenso wenig wie das Upgrade von der 2. in die 1. Wagenklasse. Ein Ärgernis stellt es auch dar, dass in Fernzügen neuerdings die Anschlusszüge nicht mehr angesagt werden, sondern nur noch auf ein Faltblatt bzw. die Zugbegleiter verwiesen wird. «Auch hier wird behinderten Menschen das selbstverständliche Recht nicht zugestanden, sich autonom informieren zu wollen, unabhängig vom Fahrpersonal der DB AG, das manchmal ja auch gar nicht auftaucht», so Drewes.

Kann bis zum 15.12. ein behinderter Mensch auch noch Tickets im Zug ohne besonderen Zuschlag (also nicht zum sog. Bordpreis) nachlösen, so wird dies nach dem 15.12. nurmehr blinden Menschen möglich sein. Der Grund: Die Deutsche Bahn AG ändert zum 15.12. weitgehend ihre Tarifbestimmungen. «Einen tief greifenden Einschnitt» nennt Drewes auch die weitgehende Abschaffung des Interregio (IR) - es werde nur noch zwei Linienführungen im Osten der Republik geben. Diesen können behinderte Menschen in mancherlei Verbünden kostenfrei oder lediglich gegen Zahlung eines Interregio-Zuschlages nutzen. «Statt der IR werden ab dem 15.12. Intercity- (IC) bzw. Intercity-Express-Züge (ICE) fahren. Diese sind zwar nicht schneller und - bezogen auf den IC - vorläufig nicht einmal komfortabler als der bisherige IR, aber immerhin darf sodann auch der behinderte Fahrgast - selbst innerhalb von Verbünden - den normalen Fernverkehrspreis der DB AG bezahlen», moniert Drewes. omp

 

© 2002 kobinet-nachrichten

Ihr E-Mail-Kontakt zur Geschäftsstelle:
hgh@netzwerk-artikel-3.de
 nach oben zurück 
  Inhalt  
 Drucken 
 Fenster schließen 

Page maintained by
Rolf Barthel   am 1.11.02
 

Diese Seite wurde aktualisiert am  Donnerstag, 01.01.1970, 00:00