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06.11.2002 - 11:44
Empowerment auf Japanisch

Die deutsche Delegation   
von kobinet-Korrespondentin Martina Puschke

Sapporo/Kassel (kobinet) Vom 15.-18. Oktober 2002 trafen sich zum 20-jährigen Bestehen der Weltorganisation für behinderte Menschen «Disabled Peoples´ International» - kurz DPI - ca. 3.000 Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus über 100 Ländern, einschließlich Vertretern und Vertreterinnen von Regierungen und Hilfsorganisationen sowie andere Personen, die mit behinderten Menschen arbeiten, in Sapporo, Japan. Die Mehrzahl der Delegierten waren selber behindert.

Aus Deutschland konnten fünf Delegierte aus der Selbstbestimmt Leben Bewegung teilnehmen: Dinah Radtke, Matthias Rösch, Theresia Degener, Brigitte Faber und Martina Puschke.

Neben dem Themenbereich Menschenrechtskonvention standen die Themen Bioethik, Selbstbestimmt Leben, behinderte Frauen, behinderte Kinder, Barrierefreiheit, Soziale Gerechtigkeit sowie Krieg und Gewalt auf dem Programm.

Längere Diskussionen lösten insbesondere zwei Themenbereiche aus. Der Umgang mit sexualisierter Gewalt gegen behinderte Frauen und die kontroversen Diskussionen bezüglich der Legalisierung der Präimplantationsdiagnostik in Deutschland. Nahezu entsetzt waren alle Teilnehmerinnen des Gewaltworkshops, dass in Deutschland unterschiedliche Strafmaße für Sexualstraftäter gelten. An diesem Punkt entbrannte eine längere Diskussion, welche mit der Aufforderung an die Deutsche Regierung endete, so schnell wie möglich eine Sexualstrafrechtsreform durchzuführen, um diese Diskriminierung behinderter Frauen aufzuheben.

Im Themenblock Bioethik wurde deutlich, dass weltweit Befürchtungen behinderter Menschen gegenüber den neuen gentechnologischen Möglichkeiten bestehen. Mit Befremden wurde auf den Bericht der deutschen Delegierten reagiert. Die Tatsache, dass derzeit in Deutschland auf politischer und gesellschaftlicher Ebene sehr kontrovers über die Möglichkeiten und Grenzen der Präimplantationsdiagnostik - PID - diskutiert wird, erstaunte einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Da die PID der frühzeitigen Selektion diene, hätten sie nicht gedacht, dass Deutschland in der Verantwortung des Wissens um den Umgang mit Selektion im Dritten Reich, kontrovers über die PID diskutiere. Gerade in Deutschland dürfe die PID als Selektionstechnik nicht legalisiert werden.

Es war beeindruckend zu sehen, welchen Stellenwert diese internationale Konferenz für Sapporo und den Staat Hokkaido hatte. Sapporo ist mit ca. 1,8 Mio. Einwohnern und Einwohnerinnen die größte Stadt auf der nördlichen Insel Hokkaido. Wie das Organisationsteam erzählte, hat sich die Stadt vier Jahre lang auf die Konferenz vorbereitet, indem sie barrierefreie Zugänge im öffentlichen Raum geschaffen hat. Parkanlagen, der gesamte Innenstadtbereich, die U-Bahn wurden so umgerüstet, dass sie von mobilitätsbeeinträchtigten und blinden Menschen genutzt werden können. Ich habe noch nie eine so blindenfreundliche Stadt gesehen, in der z.B. akustische Ampeln, je nach Himmelsrichtung eine andere Vogelstimme ertönen lassen. In Nord-Süd-Richtung erschallt bei «Grün» eine andere Vogelstimme als in West-Ost-Richtung. Hinzu kommt ein hervorragendes Blindenleitsystem auf dem Boden. Mit großen DPI-Plakaten hieß die Stadt alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Sapporo willkommen. Wir bekamen überall signalisiert, dass die Stadt stolz ist, so vielen behinderten Menschen als Tagungsort zu dienen.

Das hervorragende Blindenleitsystem begegnete uns jedoch nicht nur in der Konferenzstadt, sondern auch in Tokio und Kyoto, wo wir kurz Station machten. Ebenfalls beeindruckt war die deutsche Delegation vom Ausbau der Selbstbestimmt Leben Bewegung in Japan. In den letzten Jahren wurden in Japan über 100 Zentren für Selbstbestimmtes Leben eröffnet. Das Modell der persönlichen Assistenz wurde installiert, so dass bereits viele behinderte Menschen aus Heimen ausziehen konnten und nun selbstbestimmt leben können. Behinderte Frauen haben sich in Japan zu einem Netzwerk zusammengeschlossen. Für sie sind u.a. die Themen Partnerschaft, Mutterschaft, Pränataldiagnostik und sexualisierte Gewalt von Bedeutung. Derzeit versuchen behinderte Frauen Kontakte zur japanischen Frauenbewegung zu bekommen, um zum Beispiel gemeinsam barrierefreie Frauenhäuser aufzubauen.

 

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