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20.10.2002 - 9:47
DB: Behinderte dürfen nicht nach Soest

von Arnd Hellinger

Bochum/Soest (kobinet) - Der übliche Ablauf einer Bahnfahrt besteht, wenn man gültige Tickets oder eine sonstige Fahrberechtigung besitzt, aus dem Betreten des Zuges am Bahnhof und dem Verlassen desselben am Zielort. Darüber, wie man zum oder vom Bahnsteig kommt, macht sich der durchschnittliche Fahrgast kaum Gedanken. Der nutzt die «gängigen» Wege - in der Regel Treppen. Auch das Umsteigen (Wechseln zwischen Zügen) stellt für ihn kein unüberwindliches Problem dar.

«Was anderen Bahnkunden recht ist, kann mir doch nur billig sein», sagt Oliver Weinmann (33) aus Bochum. Doch als der Rollstuhlfahrer am Samstag, den 5. Oktober 2002 im Bahnhof Hamm in die Regionalbahn nach Soest umsteigen möchte, wird er ziemlich abrupt eines Besseren belehrt. Statt des hier regulär eingesetzten supermodernen Elektrotriebzuges (Baureihe 425) erscheint ein Zug, wie er schon seit den frühen 60er Jahren zum Alltag im deutschen Nahverkehr gehört. Der aber ist für Weinmann in keiner Weise nutzbar. Ein Mitarbeiter der DB recherchiert die nächste geeignete Fahrmöglichkeit - die ist in zwei Stunden. Weinmann kann seinen Termin nicht wahrnehmen und fährt deprimiert zurück.

Mit einiger Empörung nahm Weinmann übrigens die Aussage des Eisenbahners zur Kenntnis, man könne Rollstuhlfahrer prinzipiell nicht nach Soest befördern, weil dort kein Personal mehr stationiert sei. Weinmann dazu: «Die DB begeht hier einen glatten Betrug! Erst verkauft man mir einen Fahrschein und dann will man mich nicht mitnehmen - das ist Diskriminierung in Reinkultur»!

Doch die zweifellos erregende Auskunft in Hamm hat ihre Gründe. Denn selbst wenn es Rollstuhlfahrer schaffen, Soest auf der Schiene zu erreichen, bedeutet das längst nicht, dort auch aussteigen und anschließend den Bahnsteig verlassen zu können. Hier eine Bahnfahrt zu beginnen, ist ebenfalls unmöglich. Der einzige (legale) Weg zum Bahnsteig führt über Treppen. Um dennoch die hier als RegionalExpress oder Regionalbahn eingesetzten Triebwagen 425 - sie verfügen über spezielle Hebebühnen - nutzen zu können, setzen Menschen wie Oliver Weinmann sogar ihr Leben aufs Spiel und überqueren zwei Hauptgleise auf einem für die Öffentlichkeit gesperrten Plattenweg. Anders blieben an der Börde für Rollstuhlfahrer die Züge unerreichbar.

Dabei wären Land und Bahn durchaus bereit, diesen unhaltbaren Zustand kurzfristig durch den Einbau zweier Aufzüge zu beheben. Im Rahmen der «Bahnhofsoffensive NRW» tragen sie bis zu 80 Prozent der Kosten, die bei der behindertengerechten Nachrüstung kleinerer Verkehrsstationen entstehen. Einzige Bedingung: Die von der Maßnahme profitierende Kommune muss den Rest der Investition sowie die anschließenden Betriebskosten der Aufzüge tragen. Genau dieses Geld fehlt jedoch im Soester Haushalt.

Ab 15. Dezember werden in Soest zudem die ICE der Linie Düsseldorf - Leipzig planmäßig halten. Nicht zuletzt deshalb fordert die Interessengemeinschaft behinderter und nichtbehinderter Studierender Bochum im Interesse aller Betroffenen eine umgehende Verbesserung der Situation. Denkbar ist z.B. die Wiederbesetzung des Bahnhofs mit Servicepersonal.

 

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